Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen

FHöV NRW goes Yad Vashem
Eine Studienreise nach Jerusalem

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4. April 2016 Studierende


Als Student im Fachbereich Polizeivollzugsdienst an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW (FHöV NRW), Abteilung Duisburg, hatte ich, Niklas Wallscheid, die Möglichkeit, an einer eindrucksvollen und informativen Studienreise nach Israel teilzunehmen. An der Fachhochschule belegte ich mit einigen anderen geschichtsinteressieren Kommilitonen ein Oberseminar zur Polizeigeschichte. Um die Rolle der Polizei während der NS-Herrschaft und insbesondere während des Zweiten Weltkrieges herauszuarbeiten, hat sich unser Seminar, das heißt eine Gruppe von 17 Studierenden des Einstellungsjahres 2013 und die Dozenten Prof.‘in Dr. Sabine Mecking und Dr. Frank Kawelovski, nach Abschluss der Lehrveranstaltung auf den Weg nach Israel gemacht. Diese fünftägige Studienreise (28. Februar bis 3. März 2016) wurde ermöglicht durch das Ministerium für Inneres und Kommunales NRW, das im Dezember 2015 eine Bildungskooperation mit Yad Vashem, der Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum in Jerusalem, abgeschlossen hatte. In Yad Vashem haben wir uns mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden über den Holocaust und die Beteiligung der Polizei an den Massentötungen, die Gründung des Staates Israel und den aktuellen Konflikten im israelisch-palästinensischen Verhältnis informiert.

Der Anreisetag, Sonntag, der 28. Februar 2016, war anstrengend und ermüdend. Wir machten uns sehr früh morgens mit dem ICE auf zum Frankfurter Flughafen. Dort unterzogen wir uns einer intensiven Befragung und Überprüfung im Zuge eines besonderen Sicherheitschecks, wie er bei Flügen nach und von Israel üblich ist. Der Flug nach Tel Aviv startete dann mit erheblicher Verspätung und dauerte 4 ½ Stunden. Von Tel Aviv ging es mit dem Bus weiter nach Jerusalem. Nach dem Beziehen der Zimmer und dem Abendessen blieb dann noch etwas Zeit, um zumindest das Umfeld des Hotels zu erkunden.

Am zweiten Tag startete das historisch-politische Studienprogramm. Morgens um 8:00 Uhr holte uns ein Bus vom Hotel ab und brachte uns zu Yad Vashem. Dort wurden wir sehr freundlich von Mitarbeitern des German Desk der International School for Holocaust Studies begrüßt. Anschließend erfolgte eine Führung über den Campus. Im Rahmen von kleineren Aufgaben und Vorträgen erarbeiteten wir uns die Geschichte von Yad Vashem und die Bedeutung der vielen, auf dem Gelände zu besichtigenden Kunstwerke, Denkmäler und Erinnerungsorte, die auf den Holocaust verweisen. Neben dem Holocaust Museum und der Gedenkhalle sind dies zum Beispiel das Tal der Gemeinden, die Bäume für die Gerechten unter den Völkern und ein Viehwaggon, der Juden nach Auschwitz gebracht hatte. Nach dem Rundgang hörten wir einen Vortrag zur Erinnerungspolitik in Deutschland. Anschließend ging es in die Altstadt von Jerusalem. Begleitet von einem bewaffneten Sicherheitsmann erläuterte uns ein Stadtführer die Geschichte der Stadt. Wir besichtigten zahlreiche Sehenswürdigkeiten wie die Klagemauer, die Grabeskirche und das Jaffartor.

Der dritte Tag unserer Studienreise begann um 8.30 Uhr mit einem Workshop zum Thema „Leben in Bialystok vor dem und während des Holocaust“ beziehungsweise der „Shoah“, wie die Israelis sagen. Zunächst fragten wir uns zwar, wieso wir uns ausgerechnet mit der polnischen Stadt Bialystok beschäftigen sollten, aber die Antwort war mit dem Polizeibataillon 309 schnell gefunden. Das Polizeibataillon, deren Angehörige alle aus dem Umfeld von Köln stammten, hatte im Jahr 1941 in Bialystok etwa 2000 Juden ermordet. Ein Großteil der Juden war in die Synagoge getrieben worden, die dann von Polizeibeamten angezündet worden war.

Neben den polizeihistorischen Ereignissen und dem deutsch-israelischen Verhältnis wollten wir auch etwas über die aktuelle Politik und die Konflikte in und um Israel erfahren. Daher trafen wir uns abends noch zu einer Vortrags- und Diskussionsrunde mit David Witzthum, einem bekannten israelischen Fernsehmoderator, Redakteur und Lektor. Er hat uns ausführlich Rede und Antwort gestanden.

Unser vorletzter Tag begann erneut mit einem Workshop. Dieses Mal ging es um die Zeit nach dem Holocaust, wieder mit dem Fokus auf der Polizei und Bialystok. Dabei rückte insbesondere der Wuppertaler Polizei-Prozess 1967/68 in den Vordergrund. Einige der Polizisten, die 1941 in Bialystok waren, hatten sich in Wuppertal hierfür zu verantworten.

Nach diesem Workshop trafen wir den Holocaust-Überlebenden Naftali Fürst. Er hatte als Kind das Arbeitslager Sered, das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und dann den sogenannten Todesmarsch nach Buchenwald überlebt. Naftali Fürst berichtete über das Leben oder besser gesagt das Überleben im Konzentrationslager, die Zeit nach der Befreiung und seine Auswanderung nach Israel. Anschließend stand er uns für unsere Fragen zur Verfügung. Am späten Nachmittag hatten wir dann noch etwas Zeit, um die Stadt auf eigene Faust in kleineren Gruppen zu erkunden. Abends luden uns unsere Gastgeber zu einem koscheren Abendessen ein.

Am fünften Tag, Donnerstag, den 3. März 2016, wartete außer der Rückreise nach Deutschland noch ein besonderer Programmpunkt auf uns. Wir besuchten die israelische Polizeiakademie in Beit Shemesh. Zunächst besichtigten wir das polizeieigene Museum, in dem die Geschichte des Staates Israel und eng damit verbunden die Entwicklung der Polizei erläutert wird. Bei dem anschließenden Rundgang über das Gelände der Akademie sind einige Unterschiede zu unserer Ausbildung in Deutschland aufgefallen. In Israel gibt es eine Art Grundausbildung, die nur wenige Monate umfasst. In dieser Zeit findet praktisches Lernen statt. Hierzu gehören das Nachspielen von Einsatzsituationen, die anschließende Analyse mit den Ausbildern, Kampfsporttraining und das wesentlich umfangreichere Schießtraining. Über die theoretische Ausbildung haben wir nicht zuletzt aufgrund des Zeitmangels leider nur wenig erfahren. Der Zeitansatz für die Besichtigung der Akademie war mit zwei Stunden knapp bemessen. Anschließend wurden wir mit dem Bus zum Flughafen gebracht, um den Rückflug anzutreten.

Ich glaube, ich kann auch für alle mitgereisten Kolleginnen und Kollegen sprechen, wenn ich sage, dass wir durch diese Studienreise sehr viel Neues und Interessantes erfahren und gelernt haben. Das sehr straff geplante Arbeitsprogramm - immerhin umfasste die Lehreinheit an der International School for Holocaust Studies 27 Seminarstunden - war zu keinem Zeitpunkt langweilig. Darüber hinaus waren wir positiv überrascht, dass wir bei unseren Streifzügen durch die Stadt immer wieder auf sehr offene und interessierte Israelis trafen, mit denen wir schnell ins Gespräch kamen. Überhaupt haben wir die Sicherheitslage in Israel während unserer Studienreise als weniger bedenklich wahrgenommen, als sie in den Medien häufig dargestellt wird, wenngleich sicher Vorsicht geboten ist. Mich haben besonders das Zusammentreffen mit dem Zeitzeugen Naftali Fürst und die Ausführungen des Fernsehmoderators David Witzthum zum Nahost-Konflikt beeindruckt. Ihre Darstellungen haben anschaulich deutlich gemacht, wie sehr die Vergangenheit immer auch Einfluss auf die Gegenwart und Zukunft hat. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, sich mit der Vergangenheit und insbesondere mit der Geschichte seines Landes zu beschäftigen, um aktuelle Probleme und Situationen besser begreifen und einordnen zu können. Dies gilt insbesondere für uns Polizeibeamte.

Shalom

Niklas Wallscheid
Student an der FHöV NRW