Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen

Dialogexperiment gelungen
„Rückblenden – Erinnerungen an den 9. Mai 1975“

Von Prof. Dr. Martina Eckert, Prof. Dr. Heike Wüller 12. Juni 2015 Veranstaltungen

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Mit der Veranstaltung „Rückblenden – Erinnerungen an den 9. Mai 1975“ verwirklichten Prof. Dr. Martina Eckert und Prof. Dr. Heike Wüller (Forschungsgruppe „Bildung, Beruf und Lebenslanges Lernen“, FG BiBeLL) ein außergewöhnliches Format. „Dialogexperiment“ trifft den Charakter der Veranstaltung am Ehesten. Die Veranstalterinnen und der Mitinitiator Udo Behrendes, ehemaliger Leiter des Leitungsstabes der Polizei Köln, hatten das Ziel, aus Anlass des 40. Todestages des Kölner Polizisten Walter Pauli und des Mitglieds der „Bewegung 2. Juni“ Philip Werner Sauber Sichtweisen und Erfahrungen der beteiligten und betroffenen Personen miteinander in Kontakt zu bringen und so nicht nur zu einem erweiterten Verständnis der Ereignisse, sondern auch zur Verständigung beizutragen.

Mehr als 120 Gäste waren der Einladung an die Abteilung Köln gefolgt, unter ihnen die Polizeipräsidenten aus Köln und Aachen und Vertreter/innen des MIK NRW sowie zahlreiche Polizisten, die in den 70er Jahren Dienst getan hatten. Aus der FHöV NRW waren u.a. die Vizepräsidentin, der Leiter und der Verwaltungsleiter der Abteilung Köln, Lehrende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekommen.

Der erste der drei Veranstaltungsteile hatte den Charakter einer Lesung. Hier lasen Brian Michaels, Theaterregisseur und Zeitzeuge, und Udo Behrendes. Der Eine als Freund der erkrankten Autorin Ulrike Edschmid aus deren autobiografischem Roman „Das Verschwinden des Philip S.“, der Andere aus Erfahrungsberichten von Freunden und Kollegen Walter Paulis. Buchausschnitte und Zitate brachten dem Publikum nicht nur die beiden verstorbenen Männer näher. Sie machten auf beeindruckende und betroffen machende Weise klar, wie nachhaltig sich die Ereignisse auf das Leben und Erleben der Zeitzeugen ausgewirkt und welche Kraft diese Erfahrungen auch noch 40 Jahre später haben.

Der historischen Standortbestimmung galt der Vortrag von Prof. Dr. Heike Wüller, in dem die Situation von Polizei und Politik in den 1970er Jahren beleuchtet wurde. Hier wurde deutlich, wie spannungsgeladen das Verhältnis zwischen Politik, Polizei und politischen Aktivisten damals war: „Terroristen“ verstanden ihre Aktionen als Widerstandshandlungen gegen die – wie sie es selbst empfanden – zum Polizeistaat mutierte Bundesrepublik und folglich die Polizei zwangsläufig als Gegner, trotzdem aber nicht in jedem Fall als Feind. Zeitgleich schafften die politischen Entscheidungsträger kontinuierlich neue, Freiheitsrechte der Staatsbürger tangierende Möglichkeiten präventiver und repressiver Maßnahmen zur Steigerung der „Inneren Sicherheit“. Polizei und Justiz versuchten sich in stereotypen Kategorisierungen der Täter.

Der kurze psychologische Impuls von Prof. Dr. Martina Eckert hob darauf ab aufzuzeigen, wie stark Erinnerung mit dem aktuellen Selbstverständnis eines jeden zu tun hat und welche Chancen und Risiken sich im kollektiven Erinnern (z.B. im Kontext von Erinnerungskultur) verbergen. Die Anerkennung von Erinnerung als persönliche Gewissheit des/der Erinnernden sei die Voraussetzung dafür, Dinge „anders“ und „neu“ zu erinnern und zu bewerten. Das wiederum mache eine „neue Art“ der Verständigung möglich.

Es folgte ein Forum, das Carmen Thomas, ehemalige WDR-Moderatorin, leitete. Geschickt und behutsam wurden die Gäste der Veranstaltung in der Forumsrunde in das Experiment einbezogen. Sie berichteten von eigenen Erfahrungen und stellten Fragen an die Vortragenden. Höhepunkt der Veranstaltung war sicher das Gespräch mit zwei Polizisten, die beim Einsatz am 9. Mai 1975 beteiligt gewesen waren - einer von ihnen war damals schwer verletzt worden. Auch der Bruder Philip Werner Saubers, der eigens aus Zürich angereist war, kam im Forum zu Wort.

Nach gut zwei Stunden war klar: Die Erwartungen der Einladenden und Gäste wurden übertroffen. Dank der verschiedenen Perspektiven ist es gelungen, Begegnung und Verständigung zu initiieren. Lange nach Ende der Veranstaltung blieben zahlreiche Gäste miteinander im Gespräch, sei es in den Veranstaltungsräumen der FHöV NRW oder beim Restaurantbesuch im kleinen Kreis, dem sich fast 30 Personen anschlossen.

„Die Veranstaltung war in der geschichtlichen Dimension ein absoluter Höhepunkt, der sich im Verlauf des Abends sehr stark herauskristallisierte. Alle Beteiligten haben mit ihren emotionalen und informativen Einlassungen zum Gelingen beigetragen. Dieses Ereignis ist nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, sondern überzeugt durch die intensive Gegenüberstellung der Probanden“, Rückmeldung eines Gastes im Rahmen der nachfolgenden Feedbackabfrage.

Lob für die Veranstaltung mit ihrem eigenwilligen Format schlug sich außerdem in den Berichten der regionalen und überregionalen Presse nieder.

Eine Dokumentation der Veranstaltung ist in Arbeit. Über die historischen Hintergründe des 9. Mai 1975 informiert das Historische Fenster auf der Homepage der FHöV NRW für Mai/Juni 2015.

Prof. Dr. Martina Eckert, Prof. Dr. Heike Wüller

 

Fotos: Eva Nowack, Dortmund